
Zitat von
Kevin Schwantz
RIP Ciccio
Montag, 24. Oktober 2011
Ich traf Marco Simoncelli zum ersten Mal, als ich mit Valentino unterwegs war, ich glaube es war 2003 oder 2004. Er war noch ziemlich neu im Grand Prix-Geschäft und ging nach dem Grand Prix von Barcelona mit uns zum Abendessen. Ich dachte „Wer ist denn dieser Kerl? Er ist zu groß! Der wird es nie zu was bringen.“ Aber Valentino sagte: “Nein, er ist wirklich schnell, wirklich gut.” Und natürlich hatte Valentino recht.
Marco Simoncelli war nicht nur ein schneller Rennfahrer mit einer Menge Talent und Potential, er war auch ein großes Kind. Er hatte einfach immer ein Grinsen im Gesicht. Er war glücklich, Rennen fahren zu dürfen. Für viele von uns – und ich meine „uns“, weil es für mich so gewesen ist, wurde die Rennfahrerei zu so einem harten Job, dass es schon fast keinen Spaß mehr machte. Du konntest die Anforderungen und die Arbeit nicht einfach ausblenden für die Stunde Spaß, in der du am Sonntag versucht hast, jeden in den Arsch zu treten. Und Simoncelli schien, bis zum bitteren Ende, damit einfach am besten klarzukommen, von allen da draußen.
Es gab drei herausragende Fahrer in unserem Sport, und jetzt gibt es noch zwei. Einige mögen sich jetzt vielleicht auf den Schlips getreten fühlen, aber diese beiden sind Maverick Vinales und Marc Marquez, und es war Simoncelli. Das sind Jungs, die gut für unseren Sport waren. Ihnen sieht man immer an, dass sie Spaß haben. Es wird immer die Pedrosas geben. Es wird immer die Stoners geben. Aber wenn Valentino mal nicht mehr dabei ist, dann gibt es keine Persönlichkeiten mehr in unserem Sport.
So populär Sic war, so viele Fehler er dieses Jahr gemacht hat, und so viele Bikes er auch kaputtgefahren hat – er hatte immer etwas Gutes zu sagen, und er hatte immer ein Lächeln im Gesicht. Er hatte immer Zeit, mal kurz anzuhalten und mit einem zu quatschen. „Ich lerne noch. Ich mache Fehler. Ich fahr diese Bikes noch keine zehn Jahre, ich weiß nicht, was ich machen soll.“ Und für mich war er auch ein bisschen „old school“. Er war mir sehr ähnlich. Noch nicht ganz “fertig”, wenn er das erste Mal auf ein Bike stieg, noch nicht sehr „geschliffen“ als Fahrer, aber er hatte das, was es brauchte, und was wichtig war, wirklich im Griff. Nicht nur die nächste Kurve, sondern das Resultat am Ende eines Tages.
Ich machte mal bei einem Charity-Motocross-Rennen mit, das Valentino vor ein paar Jahren veranstaltete. Ich sah Marco dort. Man sah gleich, dass Simoncelli noch nicht oft auf einem Motocross-Bike gesessen hatte. Okay, ich bin nicht gerade ein Supercross-Fahrer, aber ich bin schon sehr viel Motocross gefahren, also unterhielt ich mich ein bisschen mit ihm darüber, was er so machte, und wie er es machte. „Oh, yeah”, sagte er, “das hat mir echt geholfen.” Und am Ende dieses Motocross-Wochenendes war alles, was ich noch schaffte, ihn in Sichtweite zu behalten.
Er war einer dieser Jungs, die sind wie ein Schwamm. Er saugte einfach alles in sich auf, und er behielt das, was ihm etwas brachte. Was ihm half, das nutzte er, und was ihm nicht half, das warf er weg. Er wollte immer dazulernen. Er hörte zu und war immer aufmerksam, das konnte man in seinem Gesicht sehen. `Das könnte etwas sein, das ich mir anhören sollte. Das könnte etwas sein, das mir mal helfen könnte.` Und jedes Mal wenn ich in der Nähe seines Hauses war, rief er mich an und lud mich ein, vorbeizukommen. Mit ihm hab ich wahrscheinlich mehr getextet als mit Spies. Ich hab ihm nach einem Rennen geschrieben, hab ihm vor einem Rennen geschrieben.
Ich hab ihm direkt vor dem australischen Grand Prix geschrieben. Ich sagte: "Alles was du tun musst ist, einen guten Start hinzulegen, an Stoner dranzubleiben, und ein paar Runden bei ihm zu bleiben." Ich sagte: "Ein bisschen Druck, und wer weiß, was dann passiert.“ Er schrieb mir nach dem Rennen "Ah," sagte er, "Kevin, ich war nicht schnell genug, um an Casey dranbleiben zu können, aber ich bin sehr glücklich mit dem Resultat. Es war ein harter Kampf bis zur Ziellinie.” Und ich schrieb ihm zurück, ich sagte "Yeah, das ist großartig." Und er: "Du kommst doch nach Valencia, oder?" Und ich schrieb ihm zurück und sagte: "Yeah, natürlich." Er antwortete: "See you in Valencia."
Wir nannten uns beide beim gleichen Spitznamen: Ciccio. Ich fragte mal jemanden, was das heißt, und ich glaube es heißt so etwas wie “pummeling” auf Italienisch, aber er sagte es heißt „Kumpel“.
Er war einfach einer dieser Jungs, die so eine große Zukunft in unserem Sport hatten. Es ist ein unseliges Leben, das wir uns da ausgesucht haben, weil es manchmal wirklich, wirklich brutal sein kann. Es kann so unerbittlich sein. Das haben wir gestern gesehen. Ich weiß nicht ob oder was die Veranstalter tun werden, um ihn in Valencia zu ehren, aber ich bin mir sicher, dass jeder mit einem Plan dort erscheinen wird, der ihm die verdiente Anerkennung zollen wird, weil er wirklich die Zukunft der MotoGP war, ganz sicher für die nächsten fünf oder zehn Jahre.
Jedes Mal wenn wir uns trafen, sagte er “Hey, lass uns essen gehen.” Einmal rief ich ihn an, ich glaube wir wollten radfahren gehen, und er rief mich zurück: „Hey, es regnet, Kevin. Lass uns nicht radfahren gehen. Aber ich hol dich am Hotel ab. Ich will dir was in meinem BMW zeigen.” Er hatte einen M3. Natürlich waren er und Graziano (Rossi) supergute Kumpels, weil sie es beide liebten, mit ihren Autos rumzudriften. Sie kannten all diese winzig kleinen Gässchen in Italien wie ihre Westentasche. Er wohnte in Riccione. All die kleinen Wege im Hinterland, zwischen der Rennstrecke in Misano und dem Strand. Bei allem, was er tat, hatte er ein Grinsen im Gesicht – von einem Ohr zum anderen.
Er sagte "Schau mal, Graziano hat mir das alles beigebracht. Er war ein guter Lehrer. Du darfst nie mehr als zwei Runden fahren“, sagte er, „denn sonst kommen hundertprozentig die Bullen." Ob es ein Kreisverkehr war, in dem wir Donuts drehten, oder ein Geschäftszentrum, das am Wochenende geschlossen war, er sagte “Du darfst niemals mehr machen. Graziano sagt, nicht mehr als zwei Runden.” Nur solche Sachen. Er genoss das Leben und es ist einfach tragisch, dass es jetzt schon enden musste. Er hatte so eine großartige, strahlende Zukunft vor sich.
Einmal schaute ich mir die Bilder auf meinem Handy durch. Ich schickte ihm ein Bild... Ich glaube es war an einem Wintertag. Ich hatte ein langärmeliges Simoncelli T-Shirt an, und ich schickte ihm das Bild. Er antwortete innerhalb von zwei Minuten und schickte auch ein Bild mit. Er saß in seinem BMW mit dem Handy hinter dem Lenkrad, und er hatte sein Kevin Schwantz-Shirt an.
Er wird so schrecklich vermisst werden von allen. Seine Familie, das sind so nette Menschen. Sein Vater, seine Mutter, seine Schwester, seine Freundin, alle. Jeder, den ich jemals bei Marco getroffen habe, war so unglaublich nett.
Ich weiß nicht, wann genau die Beerdigung sein wird, aber es ist ziemlich sicher, dass ich dort sein werde. Es wird kein Auge trocken bleiben. Ich schrieb ihm nicht vor dem Rennen in Malaysia. Ich schickte nach dem Rennen eine Nachricht an sein Handy, und sagte nur: „58 Forever. Rest in peace, Ciccio.”